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Durs Grünbein in Music Zwei Ufer hat der Fluss 2 – Řeka má dva břehy Variations Sérieuses Berliner Zeitung, January 26th, 2006 KafkaSkop DenkKlaenge - for Walter Benjamin

Berliner Zeitung, January 26th, 2006

Markt der kleinen Häppchen

 

Um ihren Weg zu finden, schließen sich immer mehr junge Berliner Künstler

in Netzwerken zusammen.


Kathrin Schrader

Herbstlaub bedeckt die Bühne. Durch den künstlichen Nebel schimmert der Stuck des alten
Ballsaales. Asmus tritt ans Mikrofon. Im Publikum erblickt er Freunde, ehemalige Kommilitonen
und einen Professor von der Universität der Künste.

Asmus bedankt sich, dass sie alle gekommen sind. Für seine Begrüßungsrede an diesem
Abend hat er eine Konzerthaussprache angelegt, schmal und elegant wie ein Frack, mit Spitzen
hinunter zum Bass. Klangnetz gibt ein Konzert.

Klangnetz soll den Berlinern ein Begriff werden. Sie sind junge Komponisten, die Neue Musik
schreiben. Sie könnten sich vorstellen, mit Absolventen der Hanns-Eisler-Musikhochschule
zusammen zu arbeiten, denn es ist gar nicht so einfach, viermal im Jahr ein Konzert mit
eigenen Werken auf die Beine zu stellen.

Natürlich verdienen sie mit der Konzertreihe im Ballhaus Naunynstraße keinen müden Cent.
Im Gegenteil: Erhielte Klangnetz nicht eine jährliche Förderung von der Initiative Neue Musik
Berlin, wäre es gar nicht möglich, hier zu spielen. Sie tun es dennoch, einmal, um die Resonanz
eines Publikums auf ihre Arbeit zu erleben, um in der Zusammenarbeit mit den anderen zu
lernen, weiter vorwärts zu gehen, sich selbst immer neu zu fordern, um ins Gespräch zu
kommen und bekannt zu werden. Spaß macht es auch.

Gunnhildur und Matthias haben für dieses Konzert Musiker aus Deutschland, Skandinavien
den Niederlanden und Island mit nach Berlin gebracht. Die Harfenistin und der Percussionist
lernten sich beim Studium am Konservatorium von Amsterdam kennen. Bereits dort hatten sie
die Idee zu adapter, einem internationalen Netzwerk von Musikern, die sich mit der Interpretation
Neuer Musik beschäftigen. Adapter führt jedes Klangnetz-Konzert auf.

Der Professor ist hier. Es kommt selten vor, dass einer ihrer Lehrer der Einladung ins Ballhaus
folgt. Die Anderen im Saal besuchen fast jedes Konzert. Bettina, eine Freundin, mit der Asmus
einen kleinen Verlag betreibt. Neben Bettina sitzt Jan, Maler und Illustrator ihrer Bücher. Die Leute
vom Berliner Musikförderverein. Familien und Freunde der Klangnetz-Komponisten. Studenten.

Die Musiker positionieren ihre Instrumente zwischen den Birken. Das Laub raschelt. Einen
Moment lang ist es still. Dann lockt die Sopranistin in den Wald. Ihre Stimme kommt aus den Wipfeln.
Ihre Stimme kommt von unter dem Moos. Da ist plötzlich ein Wispern um sie. Der Wald flüstert und
gurrt. Die Stimmen drängen. Hinten pirscht sich der Trommler an das Mädchen mit der Harfe. Ihr
Kleid funkelt. Das Haar reicht bis in den halben Rücken. Er streicht mit den Besen über die Saiten
ihrer Harfe und weicht zurück, als hätte ihn sein Übermut erschreckt. Das Mädchen würdigt ihn
keines Blickes. Sie schnippt die kleinen Finger weiter durch die Saiten. Sie lässt ihn verzaubert
zurück.

Der Zauber dieses Märchens dehnt sich aus. Bis in die letzten Reihen hält er den Saal in
Spannung. Die Zeit ist ausgesperrt, das Ticken der Uhren, bis der letzte Klang sein Ende findet.

Manchmal fürchten sie die Zeit. Zeit ist längst nicht mehr Geld. Das Geld hat die Zeit besiegt.
Das Geld zerhackt die Zeit in kleine Häppchen, von denen keiner satt wird.

Asmus hat gerade ein Stipendium für seine Dissertation in Philosophie beantragt. Bettina arbeitete
im letzten Jahr an ihrem Buch. Die Doktorarbeit über das Theater von Schlingensief liegt in der
Schublade. Das Stipendium ist eh zu Ende. Sie braucht jetzt einen zweiten Job. Die wenigen
Stunden Korrekturlesen bei einer Tageszeitung bringen nicht einmal die Miete.

Matthias hat eines der begehrten Arbeitsstipendien des Ensemble Modern in Frankfurt
bekommen. Eine gute Schule, eine hervorragende Referenz. Das könnte auch Klangnetz
voran bringen.

Wenn sie im Ballhaus in der Naunynstraße in Kreuzberg zusammen sind, wenn die Musik die
zerhackte Zeit verbindet, ist es, als bekäme alles einen Sinn: Die missglückten Entwürfe im
Papierkorb, das Warten, die vergeblichen Anträge, die Angst. Vielleicht ist das so, weil Musik die
Ewigkeit im Kern trägt. Als brauchten sie nur den Mut und die Energie, lange genug durchzuhalten.

Paul sagt: "Früher gab es Komponisten, die hangelten sich von Stipendium zu Stipendium, bis sie
irgendwann in Donaueschingen gespielt und berühmt wurden. Diese Zeiten sind vorbei." Paul ist
das jüngste Mitglied von Klangnetz. Er studiert noch. "Ich weiß nur eins: Solange ich lebe, werde ich
Musik machen. Es kann dauern, bis der Erfolg kommt. Bruckner hat vor seinem vierzigsten
Lebensjahr keinen vernünftigen Ton geschrieben. Dann muss ich eben solange Karten abreißen
und Klavierunterricht geben."

Nach dem Konzert, wenn die Instrumente eingepackt, das Laub wieder in den Mülltüten verstaut
und die Bühne sauber gefegt ist, werden sie zusammen noch irgendwo ein Glas trinken gehen.

Sie werden über Tourneen und Projekte reden, über Jobs auf Baustellen und in Verlagen, über
Dissertationen, Stipendien und mögliche Förderer.

Matthias und Gunnhildur reisen wenige Tage später ab.

Mit dem Kammerorchester Isafold touren sie durch Island, Gunnhildurs Heimat.

Bettina und Asmus sind zum Atelierfest eingeladen. Jan hat auf dem Boden seines Ateliers, einer
ehemaligen Fabrikhalle im Wedding, Tatamis und Yoga-Matten ausgebreitet. Es ist kühl.

Bettina liest kleine, poetische Prosa, die sie zu Jans neuen Landschaftsbildern geschrieben hat.
Asmus liest Gedichte.

Später wird ein Buffet aufgebaut. Jeder hat etwas mitgebracht.

"Ein Freund von mir meint, wir müssten das mit dem Verlag ganz anders aufziehen. Viel größer",
sagt Bettina. "So richtig mit Werbung und allem Drum und Dran. Aber dafür müssten wir einen
Kredit aufnehmen."

Asmus hält das mit der Werbung und dem Drum und Dran für keine gute Idee.

"Du musst dich verkaufen können. Darauf kommt es an", sagt Bettina. "Leider habe ich kein Talent
dafür. Zum Beispiel Jan: Man hat ihm gesagt, diese Landschaftsbilder seien zu abstrakt. Im Moment
sei Gegenständliches angesagt."

Jans Landschaftsserie heißt "Issigak" nach den traditionellen Schneebrillen der Inuit, zwei schmale
Sehschlitze, die vor der intensiven Sonnenreflexion schützten. Jans arktische Landschaften sind
Streifenbilder aus sich überlagernden Schichten schwarzer und weißer Ölfarbe.

"Um den Zeitgeist darf man sich nicht kümmern", sagt Asmus. "Was bleibt, sind oft die Sachen,
die dicht daneben liegen."

"Und was hatte Kleist davon, dass er daneben lag?", sagt Bettina.

"Ach Kleist, dem geht es gut, da, wo er jetzt ist."

"Achso, du glaubst an den Himmel."

"Er ist unsterblich. Darum geht es."

"Zu dem Preis, dass man hungert, friert und am Ende wahnsinnig wird?", sagt Bettina.

Die Frage nach dem Preis findet keine allgemeingültige Antwort. Jeder von ihnen muss sie
selbst finden.

Wenn schon nicht der Himmel, dann ist der Markt das Ding, mit dem sie sich arrangieren müssen.
Jeder weiß ein bisschen, wie es funktioniert. Allerdings widersprechen sich die Meinungen. Der
Markt bleibt ein Rätsel. Geh mir weg mit Kommunismus. Man muss Strategien entwickeln. Es ist
möglich, den Markt alternativ zu betrachten, nicht als Feind, sondern als Herausforderer, als etwas,
das auch die Kreativität anheizt.

Eine Marketingexpertin ist mal an die Uni gekommen. Sie empfahl ihnen, sich als Produkt zu
betrachten. Als hielten sie sich selbst im Supermarkt in der Hand und betrachteten ihre
Inhaltsangabe. Man dürfe nicht zimperlich sein, sagte sie.

"Und vergessen Sie nicht zu erwähnen: Das Gastspiel da, das Praktikum dort, die Veröffentlichung
in diesem und den Preis von jenem..." Den Rosenkranz der Aktivitäten immer wieder herbeten,
eine Perle nach der anderen.

"Und verlieren Sie niemals den Glauben an sich selbst."

Hier ist nicht Island, wo alles, was in der isländischen Musikszene Rang und Namen hat, zum
Konzert nach Reykjavik kommt, wenn Isafold spielt, weil sie den Nachwuchs des Landes hören
möchten, weil sie auch wissen wollen, wie die leben und welche Pläne sie haben, weil sie doch nur
einmal im Jahr kommen und man sie danach ein ganzes Jahr lang nicht mehr hören kann, außer
im Radio natürlich. Und weil sie das Feedback der Älteren doch dringend brauchen.

Von einer Aufmerksamkeit wie dieser träumen junge Künstler in den europäischen Millionenstädten.
Da ist der Redakteur für Neue Musik eines großen Rundfunksenders, der vor jedem Konzert zu
kommen verspricht, wenn es seine Zeit erlaubt. "Er ist wirklich nett", sagt Paul. "Aber gekommen
ist er noch nie." Hier ist nicht Island, wo die Menschen in den langen Nächten gern Geschichten
lauschen. Hier bedarf es Reizwörter.

Donaueschingen ist ein Reizwort für Neue-Musik-Redakteure. Wer bei den Donaueschinger
Musiktagen, dem berühmten Festival für zeitgenössische Klangkunst gespielt wird, an dem
kommt keiner mehr vorbei.

Jakob ist ohne Telefon und Internet in ein Dorf nach Frankreich gefahren. Er will allein sein, Ruhe
haben, fern dem Lärm des Marktes den Stimmen in sich lauschen, um seine eigene zu finden.
Sie ist da, noch ganz leise, aber wenn es still ist, kann er sie hören. Er muss ihr Raum geben,
sie stärken. Komponieren ist eine Arbeit. Instrumente spielen, quer durch Europa reisen und gute,
neue Kompositionen suchen, wie Matthias und Gunnhildur es tun, ist eine andere Arbeit. Die eine
ist nach innen gerichtet, die andere nach außen. Was Jakob betrifft, er kann sich nicht aus dem
Regal im Supermarkt nehmen und seine eigene Inhaltsangabe lesen. Er enthält einen ganzen
Supermarkt. So viele Stimmen. Haltungen. So viele Wege und Möglichkeiten. So viele Töne,
Oktaven, Tempi... Das ist endlos. Er braucht Ruhe, um sich einen Überblick zu geben, zu
sortieren, abzuwägen. Vorerst möchte er keine seiner Zutaten aufgeben. Vielleicht kann
man ein Produkt werden, eine Mischung aus sich selbst, etwas sehr Eigenes mit einem
unverwechselbaren Extrakt. Aber das braucht Zeit.

Irgendwann sind sie alle wieder in Berlin. Die Stille ist gut, doch nicht auf Dauer. Berlin ist voll und
eng und niemand hört ihnen zu. Berlin ist fern dem Himmel. Und doch elektrisiert kein anderer
Ort wie Berlin. Berlin bewegt sich noch. Es sperrt sich gegen die Marmorsockel im Museum
Europa. Mit seinen Schandflecken der Geschichte passt es da eh nicht rein. Berlin bleibt
draußen, dem Ostwind ausgesetzt. Der bläst durch die Ritzen und rötet die Wangen.

"Die osteuropäische Literatur ist mir nahe", sagt Bettina. "Sie ist existenziell. Das Ende des Pop."

Bettina unterwegs im Literaturort Berlin. Ganz in der Nähe ihrer Wohnung in Friedrichshain hat
das Künstlernetzwerk Strohlinka einen Laden gemietet. Jeden Dienstag finden offene Lesungen
statt. Eine Autorin wie Terezia Mora entdecken...

Heute abend liest Sophia einen Klassiker, Hans-Christian Andersens Erzählung "Der Schatten".
Sophia liest hastig. Mütter lesen so ihren Kindern vor dem Schlafengehen vor, wenn sie dabei an
die Wäsche denken, die noch auf die Leine muss. Während der Lesung huschen Videosequenzen
durch den Raum. Sie zeigen schmuddlige Kachelwände. Alle zwei Minuten erscheint ein verkohlter
Kaugummi-Automat.

Robert unterbricht die Improvisation auf dem E-Klavier. Es ist zu viel. Die Musik, der klassische
Text, auf den man sich konzentrieren möchte, statt dessen aber auf den Kaugummi-Automat
wartet - da ist er wieder -, das Gemurmel in den hinteren Reihen.

In der Pause bilden sich rauchende, diskutierende Grüppchen auf dem Bürgersteig. Sophia, die
Andersen-Leserin, ist dreiundzwanzig Jahre alt. Sie studiert Kunstgeschichte. Sie erzählt, wie sie
mit Hilfe von Strohlinka ihre erste Ausstellung organisierte. Man muss wissen, welche Förderer es
in der Stadt gibt und wie man einen Antrag schreibt.

Nach der Pause lesen zwei Autoren eigene Texte. Es ist nicht das, was Bettina für den Lunardi-
Verlag sucht. "Schon 'Der Fall Franzer' von Ingeborg Bachmann gelesen? Eine Autorin wie die
Bachmann finden..." Aber wie soll man erkennen, in welchen dieser Embryonen eine Therezia
Mora oder Ingeborg Bachmann steckt, wenn man gerade dreißig ist und noch mit der eigenen
Sprache ringt?

Ein Verleger war bei Strohlinka, hat zwei- oder dreimal die Lesungen besucht und druckt jetzt ein
Buch von Natascha. Es ist ein kleiner Verlag, völlig unbekannt. Natascha steht vorn und sagt den
Termin der Buchvorstellung an. Ihr Tuch rutscht ständig von der Schulter. Sie wirft es mit einer
schwungvollen Geste wieder in den Rücken und lacht ins Publikum. "Da erscheint also dieses
Buch..." Als hätte das gar nichts mit ihr zu tun.

"Altfundland", Bettinas Buch, wird im Frühjahr im Lunardi-Verlag erscheinen. Vincenzo Lunardi
glückte die erste bemannte Ballonfahrt. Er lebte im 18. Jahrhundert. Asmus und Bettina haben
seinen Namen auch gewählt, weil der Mond darin steckt. La Luna.

"Altfundland ist eine poetische Italien-Reise in wechselnden Jahreszeiten und Gemütszuständen",
kündigt das Exposé an. "Ein Blick in vergangene Epochen europäischer Geschichte, Kunst und
Kultur."

Bettinas Wohnzimmer ist auch das Verlagsbüro. Der Flügel vor den Bücherregalen in der Ecke,
der runde Tisch, an dem Manuskripte mit den Autoren besprochen werden, der Sekretär am
Fenster. Von hier aus geht der Blick über die Baumkronen hinauf zu den Ballonfahrern und dem
Mond. Unterhalb des Blätterwerks bleiben die Probleme vom Schulhof gegenüber.

Die Romantiker seien ihnen nahe, besonders die Frühromantiker. Ihre Zeit sei der heutigen ja
sehr ähnlich gewesen. Auch sie erlebten große gesellschaftliche Umwälzungen. Aber der
Gegenwart wollten sie sich keinesfalls entziehen, das hätten ja auch die Romantiker nicht getan,
obwohl es ihnen zuweilen unterstellt werde. Ihre Entscheidung, so zu leben und zu arbeiten, sei
letztendlich auch eine politische.

Er spüre aber, sagt Asmus, eine tiefe Skepsis, auf dem Strom der Zeit zu schwimmen. Er halte
es für Verschwendung, sich mit allen Trends und Gegentrends zu beschäftigen, die von den
Medien immer neu propagiert würden.

Das GOLDliteraturmagazin für Berlin und Potsdam hat über den Lunardi-Verlag berichtet. Asmus
und Bettina haben sich über den originellen Artikel gefreut, über die skurrilen Illustrationen, eine
Rakete, an der eine Ballon-Gondel hängt und ein Boot, das über den Himmel fährt. Das
GOLDliteraturmagazin ist ein Berlin-Feuilleton, ein Kleinod, in einer Auflage von zweitausend
Exemplaren sofort mit Erscheinen vergriffen.

Zwanzig bis dreißig Studenten der Literaturwissenschaft und Germanistik geben es heraus.

Sie mieteten den letzten freien Laden in der Kolonie Wedding und gründeten GOLD, den Verein.
Sie veranstalten monatlich eine Lesung mit anschließender Party.

GOLD ist ein anderer kleiner Planet im literarischen Universum Berlin.

Auffällig ist die Disziplin in den Debatten der zahlreichen GOLDwerker. Als gefährde zu viel
Individualismus die Zusammenarbeit, als ginge es eher um das Netzwerk selbst als um das
künstlerische Produkt.

Es galt einmal als Sakrileg, ein Projekt über den eigenen ästhetischen Anspruch zu stellen.
Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein.

Draußen auf dem Bürgersteig spielen türkische Kinder. Die GOLD-Redakteure ringen um Ideen,
wie sie Geld für die nächste Ausgabe auftreiben können. Auf dem Redaktions-Tisch liegen
Salzstangen, Gummibärchen und Pizzafragmente. Geraucht wird später und nur draußen.

Sie sind alle schon mal losgezogen und haben Anzeigenkunden gesucht. Sie haben nach
Sponsoren telefoniert, große Firmen, die irgendetwas mit Gold machen, die Biersorte Beck's
Gold oder die Haribo-Goldbärchen. "Literatur? Sie spinnen wohl", hat ihnen ein PR-Manager
entgegen geschmettert.

Niemand ist sich zu fein für diesen zermürbenden Job. Niemand steigt aus. Sie brauchen sich.
Sie brauchen GOLD.

"Mann, wir waren so absorbiert von diesen organisatorischen Dingen", sagt Christian. "Dabei
brauchen wir Zeit, uns auf einer Meta-Ebene zu begegnen, mal wieder darüber zu reden, was
GOLD eigentlich ist."

Er lehnt mit einer Zigarette in der Tür. Das Plenum ist beendet. Es ist zehn Uhr. Die türkischen
Kinder sind längst im Bett. Um diese Zeit schlendern Hundebesitzer durch die Prinzenallee.

"Ich hätte nie geglaubt, dass ich mit Viola streite", sagt Judith. Judith und Viola gestalten
gemeinsam das Layout des Magazins. Beide studieren an der Fachhochschule Potsdam,
ebenso wie die Illustratoren des Heftes.

"Man darf das aber nicht persönlich nehmen", sagt Judith. "Wir bemühen uns, sachlich und
ergebnisorientiert zu arbeiten."

Es ist ein später Freitagnachmittag. Judith geht zum Andruck der neuen Ausgabe ins Druckhaus
Mitte. Tim aus der Redaktion begleitet sie.

"Ich bin aufgeregt", sagt Judith. "Die Druckerei ist ein wunderbarer Ort. Hier verwandelt sich
unsere wochenlange virtuelle Arbeit in etwas Sinnliches. Und wie die Farben duften."

Die Maschine spuckt Bogen für Bogen des neuen GOLDliteraturmagazins zum Thema "Stoff" aus.
Es enthält außer der Herkunftserklärung des Wortes "Seemannsgarn" eine kritische Betrachtung
über den Umgang mit "deutschen Stoffen" am Deutschen Theater, einen selbst genähten Berlin-
Roman und ein Interview mit dem Autor Ingo Schulze. Es trägt den Titel "Patchwork".

"Die Grafikerinnen haben alle Illustrationen vorher genäht. Das musst du dir mal vorstellen",
sagt Judith.

Tim nickt zufrieden.

"Sieh mal, dieses Bild nach Francis Bacon aus Spitze. Ist das nicht verrückt?"

Tim schmunzelt, mehr über Judith. Sie ist verliebt in das Heft. Sie ist verliebt in ihre Arbeit und ein
wenig in sich selbst.

"Und diese klitzekleinen Buchcover auf der Rezensionsseite wurden vorher aus Stoff zusammen
gebastelt, geleimt, gesteppt, gesäumt..."

Tim beugt sich dicht über die Seite, um die Bastelei ausreichend zu würdigen.

"Schau mal, in 'Philosophie' habe ich 'Sophie' golden hervorgehoben, eine kleine Hommage an
Sophie, eine der Illustratorinnen."

Sie müssten das Heft ziemlich teuer verkaufen, um das feste Recyclingpapier und die Sonderfarben,
die aufwändigen Illustrationen und die detailverliebte Gestaltung, die langen Debatten um manchen
Artikel zu finanzieren. Bisher kostete GOLD überhaupt nichts.

Trotzdem funktioniert das Heft. Wegen der hervorragenden Gestaltung wurde Judith eingeladen,
eine komplette Ausgabe des Magazins "Form+Zweck" zu gestalten. Diese Ausgabe erhielt von der
Stiftung Buchkunst eine Prämierung.

GOLD ist in erster Linie Referenz der eigenen Arbeit. Für die Redakteure ist es zudem eine
Eintrittskarte in die literarische Szene Berlins.

"Nach dem Studium wird man von uns die Bereitschaft fordern, in andere Städte zu gehen. Wenn
es soweit ist, möchten wir uns in Berlin einen Namen gemacht haben. Wir möchten uns eine Basis
legen und bleiben, weil in Berlin das meiste passiert", sagt GOLD-Redakteur Hannes.

Bleiben. Nicht von einem Ort zum anderen ziehen, kein fahrendes Proletariat, abhängig von einem
Job im Irgendwo, nicht pendeln.

Netzwerker finden heute weder aus politischen noch aus ästhetischen Gründen zusammen,
sondern um das Bleiben zu sichern. Klangnetz, adapter, Strohlinka und GOLD - sie bieten
Reibungsmöglichkeiten, die jeden Einzelnen voran bringen. Weil niemand zu kurz kommen darf,
ist Disziplin erforderlich. Die avantgardistische Crew, der Schwarm - sie kooperieren, um
zu überleben.

"Man einigt sich nicht immer", sagt Matthias von adapter. "Aber in der Diskussion gewinnst du
Distanz zur eigenen Arbeit. Entweder kommt deine Idee unter den Hammer oder sie wird schnell
weiter entwickelt."

Der eine oder andere wird, als Teil des Netzwerkes, den Traum aller Künstler verwirklichen:
Bleiben. Auf dem Markt. Im Gespräch. In der Erinnerung.

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